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"Informativ, nicht investigativ": Leafly.de im Gespräch mit NIMIRUM / Start einer Reihe zu unabhängigen Gesundheitsportalen

Blog-Eintrag   •   Aug 04, 2017 15:05 CEST

Gesundheitsportale für Patienten, aber auch Ärzte, Krankenkassen und Politik informieren umfassend über medizinische Aspekte - aber wie unabhängig sind sie?

Beipackzettel: In der Arztpraxis waren die Positionen lange klar verteilt: der Arzt untersucht den Patienten, berät und verordnet die richtige Medikamention oder überweist an Spezialisten. Der Patient vertraute seinem Urteil oder wandte sich für eine Zweitdiagnose an einen anderen Mediziner.

Heute war der Patient vor seinem Arztbesuch häufig schon im Internet. Diverse Gesundheitsportale,-foren und -seiten stehen dem informierten Patienten dabei zur Verfügung. Immer häufiger adressieren sie nicht nur den informierten Bürger, sondern auch andere Anspruchsgruppen: Politik, Pharmaunternehmen, medizinische Start-Ups oder Krankenkassen.

Waren in der Anfangsphase der Gesundheitsportale, die im Zuge der Digitalisierung des Gesundheitswesens stark zunahmen, vor allem Qualitätsaspekte entscheidend, geht es heute auch darum, dass die vermittelten Inhalte, Stichwort: Content Marketing, unabhängig sind.

Noch fehlen eindeutige Richtlinien; die Vorteile von aktuellen und multidisziplinären digitalen Informationszentren in einem komplexen und agilen Markt liegen allerdings auf der Hand.

Ein gutes Portal zeichnet aus,dass es

  • auf ein Krankheitsbild, eine Medikamentationsform oder einen Informationskomplex fokussiert
  • von einem fachkundigen Autorenteam erstellt und betreut wird, deren Biographie nachvollziehbar ist und die persönlich erreichbar sind
  • redaktionell unabhängig agiert und finanziell eigenständig ist

NIMIRUM nimmt in loser Folge die neuen Spezialportale unter die Lupe.

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"Investigativ nicht informativ" - Leafly.de im Gespräch mit NIMIRUM

Zum Auftakt unserer Serie über Gesundheitsportale sprachen wir mit Sandrina Koemm-Benson, Chefredakteurin von Leafly.de, einem Informationsportal für medizinisches Cannabis. Nach jahrelangen politischen Kämpfen sind Cannabinoide in Deutschland im März 2017 auch ohne Sondergenehmigungen als verschreibungspflichtiges Medikament zugelassen worden. Leafly hat seinen Stammsitz in Seattle und gilt nach Eigendarstellung "weltweit als die größte Nachrichtenquelle über Cannabis."

Sandrina Koemm-Benson, kann man ein Portal zu Cannabis machen, ohne missverstanden zu werden?

SKM: Wir sprechen hier ja ausschließlich von medizinischem Cannabis, wir verstehen uns natürlich nicht als Lobby für die Legalisierung der Droge als solche. Auf unserer Plattform informieren wir zu allem rund um medizinisches Cannabis bzw. den Cannabinoiden. Es geht uns darum, alle Fragen bei Patienten, Ärzten, Angehörigen oder auch Krankenkassen anzugehen, die sich nach der Novelle des BTM-Gesetzes (Betäubungsmittelgesetz, Anm. der Redaktion) ergeben haben.

Dennoch werden Sie da auf Vorurteile stoßen, oder nicht?

In der Tat wissen die wenigsten, dass Cannabis lange als Heilpflanze galt und zum Beispiel in China seit 1200 vor Christus Anwendung fand. Vor der Prohibition in den 1920ern war es etwa in den USA noch weit verbreitet ...

... aber danach ist Cannabis in eine Grauzone gewandert und wird in Deutschland bis heute hauptsächlich mit Drogenkonsum in Verbindung gebracht.

Und darum ist Aufklärungsarbeit ja jetzt so wichtig! Medizinisches Cannabis hilft nachgewiesen bei einer Vielzahl von Beschwerden und die Situation in Deutschland heißt ja jetzt nicht, dass jeder, der will, ein Rezept bekommt. Stattdessen regelt die sog. "Cannabisagentur" die geordnete Abgabe und Verwaltung der BTM-Verordnung. Jeder Patient, der Cannabinoide verordnet bekommt, nimmt automatisch an einer Studie teil, die über die nächsten fünf Jahre genau dokumentiert, welche Auswirkungen eine Verordnung hat. Sie soll evidenzbasiert den Medizinern und Krankenkassen helfen.

Ihre Artikel* (*Stand: August 2017) zitieren FDP-Chef Lindner, veröffentlichen eine Umfrage unter Apothekern oder berichten von Bestrebungen der Uni Merseburg, ein Cannabis-Institut zu eröffnen. Hat sich der Attraktivitätswert von medizinischem Cannabis seit März verändert?

Ja (lacht). Nach einer etwas zähen Anlaufphase springen jetzt verschiedene Akteure auf den fahrenden Zug auf; aus den USA wissen wir ja, dass dieser schnell an Fahrt aufnehmen kann. Der Markt für medizinisches Cannabis ist interessant für viele Akteure in der Wertschöpfungskette: dass eine Universität auf der einen Seite und Händler wie die Apotheken auf der anderen Seite das "Cannabis-Gesetz" als positive Herausforderung sehen, sagt ja schon einiges.

Aber gibt es auch Probleme?

Es herrscht noch große Unsicherheit bei den Ärzten, die in der Mehrheit mit diesem Thema bislang nicht konfrontiert waren. Elementar sind Fortbildungen der Landesärztekammern, die aber nur schleppend in Gang kommen. Unsichere Ärzte und skeptische Krankenkassen, denen die Therapie mit Cannaboiden zu teuer und in ihrer Wirkung ungewiss erscheint, stellen derzeit noch die größten Herausforderungen für die Patienten dar. Genau an dieser Stelle setzt auch Leafly.de an, indem wir neutral informieren, zielgruppengerecht aufklären und verschiedene Perspektiven beleuchten.

Und die Patienten?

Gerade für chronisch Kranke ist das neue "Cannabis-Gesetz" ein Segen. Aber es ist noch ein weiter Weg dorthin: Für rund tausend von ihnen gab es in Deutschland bislang Sondergenehmigungen, die müssen jetzt in reguläre Rezepte verwandelt werden. Das heißt, sie brauchen einen Arzt, der alle Formulare kennt und gewillt ist, an der Studie teilzunehmen und eine erneute Genehmigung der Krankenkasse. Aber auch viele neue Patientengruppen können profitieren. Wir berichten bei uns zum Beispiel über die Anwendung bei Multipler Sklerose oder ADHS.

Sehen Sie sich als Interessensvertretung der Patienten?

Nein - wir sind ja nicht die Politik, sondern wollen aufklären; dass es beispielsweise Studien aus Kanada, Isreal oder der Schweiz gibt, die die positiven Effekte einer Cannabis-Nutzung nachweisen, ist für uns ein wichtiger Aspekt, der in diese Debatte gehört. Nach unserer Ansicht hat ein mündiger Patient ein Recht auf Wissen. Wir sehen ja derzeit viele Informationsplattformen, die im Zuge der Digitalisierung des Gesundheitswesens entstehen.

Wer steckt hinter Leafly.de?

Derzeit ein Team von sechs Mitarbeitern, darunter auch Anwälte, die unsere Artikel prüfen und Mediziner. Wir profitieren natürlich auch vom Know-How unserer amerikanischen Mutter, die vor sieben Jahren in Seattle gegründet worden ist mit dem Ziel eine Wissensdatenbank für Cannabis zu werden.

Wie gehen Sie mit Kritikern um?

Es wird definitiv einen Platz für Gegner geben, zum Beispiel in den Foren zu MS oder Onkologie, allerdings muss man da sagen dürfen: Wir haben das Gesetz nicht gemacht, wir ordnen ein. Unser Schreibstil ist dabei eher informativ als investigativ.

Welches Erlösmodell steckt hinter leafly.de?

Seit 1. Juli 2017 sind wir bereits eine eigenständige GmbH, werden aber noch bis Ende 2017 von unserer amerikanischen Mutter finanziert. Da wir stets unabhängig bleiben, darf es auf Leafly.de natürlich keine Pharmawerbung oder Shops geben. Unsere Anwälte achten auch darauf, dass wir uns innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Rahmens bewegen. Seriosität ist oberstes Gebot. Derzeit arbeiten wir an hochwertigen Content-Partnerschaften. Wichtiger als der schnelle Umsatz ist uns die Credibility als Expertenportal.

Welche Pläne verfolgen Sie?

Wir möchten gerne Fach-Communities für Ärzte und Patienten aufbauen, geschlossene Foren unter Aufsicht unserer Leafly-Experten, um die Plattform noch interaktiver zu machen. Wir rechnen mit einer Umsetzung in etwa einem Jahr.

Vielen Dank für das Gespräch!

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